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Fallstudie Mobilitäts-Sharingangebote in Münster

Veröffentlicht: 09.02.2021 von Christian Römer (@thunfischtoast)

Vorwort

Dies ist eine kleine Zusammenstellung von Preisen von diversen Mobilitäts-Sharing-Angeboten in Münster (Westf.). Alle Daten sind von mir persönlich aus öffentlich verfügbaren Quellen am 07.02.2021 zusammengetragen worden. Es besteht keine Garantie auf Richtigkeit.

Die Motivation hierzu kam aus der Feststellung, dass ich in der vergangenen Woche zwei Angebote genutzt habe: Ein Auto von Wuddi und ein Fahrrad von Tretty. Obwohl ich das Fahrrad kürzer genutzt und weniger Strecke gemacht habe war es teurer als das Auto. Da das irgendwie nicht angehen kann wollte ich mich informieren, wie der aktuelle Stand der verschiedenen Angebote ist.

Neutralitätshinweis: Ich hatte in der Vergangenheit beruflich bereits einmal sehr lose mit Tretty zu tun, mit diesem und den anderen Anbietern stehe ich heute teilweise in Kundenbeziehung.

Übersicht Anbieter

Also, was bietet sich mir, einem Innenstadtbewohner ohne eigenem Auto oder Stellplatz, der fast alle Strecken mit dem Rad zurücklegen kann und nur unregelmäßig ein Auto braucht, für Möglichkeiten zur individuellen, geteilten Mobilität?

Ich führe erstmal die verschiedenen Anbieter mit jeweils dem Tarif auf, welcher vermutlich am besten zu mir passen und die in der Regel in meiner unmittelbaren Nachbarschaft spontan zur Verfügung stehen.

Angebotsname Fahrzeug Nutzungsmodell Preis / Kilometer [€] Preis / Stunde [€] Aktivierungsgebühr pro Fahrt [€] Grundgebühr / Monat [€] Anmeldegebühr einmalig [€] Annahmen Hinweise
Stadtteilauto Auto Feste Stationen 0,23 2,75 0,00 0,00 0,00 Fahrzeugkategorie „Mini“ (VW UP), Tarif CarSharingPlus Monatl. Mindestumsatz von 5€, Tarif setzt Kundschaft bei Stadtwerken vorraus, Min. Buchungszeit 1 Stunde
Wuddi Auto Feste Stationen 0,28 2,40 0,00 0,00 20,00 Fahrzeugkategorie „Small“ (Smart Fourtwo), Tarif Flex Min. Buchungszeit 15 Minuten
Tretty Fahrrad o. Tretroller Freefloating 0,00 5,40 1,00 0,00 0,00    
Lime Elektroroller Freefloating 0,00 12,00 1,00 0,00 0,00    
Tier Elektroroller Freefloating 0,00 11,40 1,00 0,00 0,00    
Swapfiets Fahrrad Permanente Nutzung 0,00 0,00 0,00 16,90 19,50 Kategorie „Original“ Nur Abo

Bei Anbietern mit festen Stationen muss man das Fahrzeug immer wieder dahin bringen, wo man es her hat. Für die gesamte Zeit zwischen Abholung und Abgabe zahlt man, auch wenn das Fahrzeug woanders geparkt ist. Bei Freefloating-Modellen können die Fahrzeuge überall (mit Einschränkungen) abgestellt und freigegeben werden.

Ob und wann sich welches Verkehrsmittel lohnt hängt von vielen verschiedenen Parametern ab. Um ein klares Bild zu bekommen betrachte ich einen Fall aus meinem Alltag und setze dabei klare Annahmen.

Wir gehen jeweils von einer Nutzung tagsüber ohne besondere Vorkommnisse (z.B. Akku/Tank leer) aus. Wir ignorieren einmalige Anmeldegebühren und Kautionshinterlegungen.

Fall 1: Der Einkauf

Annahmen: Ich fahre zum Einkaufen eine Strecke von insgesamt 5 Kilometern und brauche dafür insgesamt 1 Stunde. Ich brauche pro Weg mit dem Rad 10 Minuten und kann, wenn es das Modell erlaubt, das Fahrzeug während des Einkaufs freigeben. Roller eignen sich nicht, da ich gerne die Einkäufe teilweise in einen Korb legen möchte. Wir ignorieren monatliche Grundgebühren.

Angebotsname Kosten [€]
Stadtteilauto 3,90
Wuddi 3,80
Tretty (ohne Abgabe) 6,40
Tretty (mit Abgabe) 3,80

Selbst wenn ich also das Fahrrad zwischendurch abgebe (und damit riskiere, dass es mir jemand anders in der Zwischenzeit wegschnappt) ist es nicht günstiger als bequem mit dem Auto zu fahren.

Fall 2: Der Besuch

Ich besuche jemanden am Stadtrand. Für die Strecke von 8 Kilometern pro Richtung brauche ich mit Rad/Roller jeweils eine halbe Stunde und ich gehe davon aus, dass das Ziel innerhalb des Servicesbereichs liegt (ich also die Fahrzeuge zwischendurch abgeben kann), was nicht unbedingt der Fall ist. Insgesamt bin ich 4 Stunden fort. Wir ignorieren monatliche Grundgebühren.

Angebotsname Kosten [€]
Stadtteilauto 14,68
Wuddi 14,08
Tretty (ohne Abgabe) 22,60 (14,99*)
Tretty (mit Abgabe) 7,40
Lime (ohne Abgabe) 50,00 (9,99*)
Lime (mit Abgabe) 14,00 (9,99*)
Tier (ohne Abgabe) 47,60 (9,99*)
Tier (mit Abgabe) 13,40 (9,99*)
Swapfiets - (16,90*)

* Die Zahlen in Klammern geben jeweils ein günstigeres Abo-Angebot der Anbieter an. Bei Lime und Tier sind dies Tagespässe, bei Tretty und Swapfiets sogar ein Monatsabo. Für Nutzungen, welche über einigen Minuten hinaus gehen, scheinen sich also bereits immer solche Abos zu lohnen. Zum Vergleich: Ein Flatrate-Angebot für den ganzen Monat kostet bei Lime 39€, Tier scheint Stand heute kein Monatsangebot zu haben.

Break Even Point für Abos

Fragt sich also, ab wann sich genau ein Abo lohnt. Hierfür betrachten wir zunächst nur die Roller/Rad-Anbieter und berechnen, wie viel Zeit wir spontan buchen können, bevor die Kosten die des Abos überschreiten. Wir ziehen für die Rechnnung jeweils die Aktivierungsgebühr einmalig ab:

Angebotsname Spontane Zeit für Kosten eines Abos [h]
Tretty 2,59
Lime (Tagespass) 0,75
Lime (Monatsabo) 3,17
Tier (Tagespass) 0,79

Die Zahlen für die Elektroroller sind niedriger, als ich es erwartet hätte. Für die Einbeziehung der Auto-Anbieter wird die Betrachtung komplizierter, da wir hier zwei Parameter variieren können: Die gebuchte Zeit und die gefahrenen Kilometer. Wir stellen uns die Frage, wie weit/lange wir mit den Autos fahren können, bevor wir die Kosten eines Tretty-Monatsabos von 14,99€ erreicht haben. Wir lösen die Gleichung Kilometerkosten x gefahrene Kilometer + Stundenkosten x gebuchte Zeit = 14,99 und bekommen pro Anbieter eine Kurve.

Stadtteilauto Lösung für die Gleichung mit den Preisen von Stadtteilauto im CarSharingPlus-Tarif für die Fahrzeugkategorie "Mini"
Wuddi Lösung für die Gleichung mit den Preisen von Wuddi im Flex-Tarif für die Fahrzeugkategorie "Small"
Ergebnis Visualisierung der Lösungsgleichungen

Bei einer Fahrleistung von 25 km lohnt es sich rein monetär also ein Auto zu nehmen, solange ich sie nicht länger als ca. 3,25 Stunden reserviere. Dabei legen wir wieder die Tarife von oben zu Grunde. Achtung: Der Plot reflektiert nicht die Mindestbuchdauer.

Wann lohnt sich ein eigenes Auto?

Soweit also zu den Rädern und Rollern. Für Gelegenheitsnutzer wie mich scheint es offensichtlich zu sein, dass sich der Besitz eines eigenen Autos nicht lohnt. Dies möchte ich jedoch mit Zahlen belegen. Hierzu müssen wir zunächst ermitteln, welche Angebote es für verschiedene Nutzungstypen gibt und welches jeweils das optimale Angebot nach Zeit und Strecke ist.

Angebotsname Tarif Preis / Kilometer [€] Preis / Stunde [€] Grundgebühr / Monat [€] Anmeldegebühr einmalig [€] Kaution Annahmen Hinweise
Stadtteilauto CarSharingPlus 0,23 2,75 0,00 0,00 0,00 Fahrzeugkategorie „Mini“ (VW UP)  
Stadtteilauto Basic 0,23 2,5 5 50 200 Fahrzeugkategorie „Mini“ (VW UP)  
Stadtteilauto Standard 0,23 1,9 8,5 50 200 Fahrzeugkategorie „Mini“ (VW UP) Kilometerpreis ab 101: 0,20€, ab 700: 0,07€ exl. Benzin
Stadtteilauto Komfort 0,23 1,6 15 50 200 Fahrzeugkategorie „Mini“ (VW UP) Kilometerpreis ab 101: 0,20€, ab 700: 0,07€ exl. Benzin
Wuddi Flex 0,28 2,4 0 20 0 Fahrzeugkategorie „Small“ (Smart Fourtwo) Komplettes Wochenende: 35€ + Kilometer, 2 Wochen: 99€
Wuddi Komfort 0,22 1,8 5 20 0 Fahrzeugkategorie „Small“ (Smart Fourtwo) Komplettes Wochenende: 35€ + Kilometer, 2 Wochen: 99€
Wuddi Abo 0* 0 229 149 0 Smart EQ Forfour Strom nicht inklusive, 4-12 Monate Laufzeit, 4 Monate Kündigungsfrist, 850 km / Monat, +45€ je 400km mehr

*Strom nicht inklusive

Das Abo von Wuddi lasse ich außen vor, da ich in meiner Nachbarschaft keine Möglichkeit hätte, das Elektrofahrzeug zu laden (und auch keine Lust habe, immer einen Parkplatz zu suchen. Der Charme der Sharingfahrzeuge liegt auch darin, dass ich einen Parkplatz reserviert habe).

Break Even Point VW Up

Für eine erste Abschätzung machen wir zusätzliche Annahmen: Wir fahren jeweils nur Strecken <= 100km und weniger als 850km im Monat. Außerdem sind wir hauptsächlich innerstädtisch unterwegs. Um die Tarife leichter zu vergleichen nehmen wir eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 40 km/h an, während das Fahrzeug bewegt wird (Quelle). Wir gehen davon aus, dass die Fahrzeuge während der Buchungszeit zu 20% bewegt werden und 80% geparkt sind. Zu jedem gefahrenen Kilometer kommen demnach 0,13 Stunden Buchungszeit. Zum Vergleich: In den vergangen 2 Jahren meiner Nutzung eines Carsharingdienstes habe ich im Mittelwert über 50 Fahrten 0,155 Stunden pro gefahrenen Kilometer bezahlt.

Ein eigener VW Up kostet, wenn man alle Kosten wie Wartung, Werteverlust und Betrieb einrechnet, 387€ - 468€ pro Monat (Quelle), ohne die zeitlichen Aufwände zu berücksichtigen. Ein Smart fortwo liegt laut ADAC zwischen 371€ und 469€. Gehen wir von einem Schätzwert von 400€ aus.

Wie weit kommen wir also mit einem Budget von 400€ im Monat?

Angebotsname Tarif Komb. Preis / Kilometer Kilometer im Zielbudget
Stadtteilauto CarSharingPlus 0,57 697
Stadtteilauto Basic 0,54 728
Stadtteilauto Standard 0,47 837
Stadtteilauto Komfort 0,43 895
Wuddi Flex 0,58 690
Wuddi Komfort 0,45 888

Der Komb. Preis / Kilometer ist der Kilometerpreis + (Stundenpreis * 0,13).

Hat man den Luxus zwischen den beiden Anbietern wählen zu können hängt der optimale Tarif von dem persönlichen Nutzungsprofil ab. Wir berechnen den günstigsten Tarif (weiterhin jeweils für die billigste Fahrzeugklasse) und tragen diese in ein Zeit-Strecken-Diagramm ein. Die Farbe der jeweiligen Fläche gibt den jeweils besten Tarif an:

Das S_ in der Legende steht für einen Stadtteilauto-Tarif, das W_ für einen Wuddi-Tarif. Der graue Bereich markiert, ab wann sich ein eigenes Auto lohnt. Man kann demnach beispielsweise bequem einen Kleinwagen von Stadtteilauto 120 Stunden im Monat buchen und dabei immernoch um die 800 Kilometer fahren, bevor der Break-Even zum eigenen Auto kommt.

Hinweis: Wir vereinfachen hier stark. Der günstigere Kilometertarif für Einzelfahrten über 100 Kilometer bei Stadtteilauto findet genauso wenig Beachtung wie die Tatsache, dass wir unterschiedliche Fahrzeuge miteinander vergleichen oder Spartarife für bestimmte Zeiträume (z.B. ein Wochenende oder zwischen 0 und 6 Uhr) existieren.

Beispiele für weitere Fahrzeuge

Ein Vorteil des Carsharings liegt darin, dass man sich jewils ein für die Fahrt passendes Auto aussuchen kann. Der Kleinstwagen reicht locker, um sich selbst und normale Einkäufe oder 2-3 weiter Personen zu befördern. Falls man sich durch den Kauf eines eigenen Fahrzeugs auf eine bestimmte Klasse festlegen muss möchten wir in der Regel dann auf Nummer sicher gehen und kaufen uns für den Fall der Fälle dann doch einen Kombi, um für den Großeinkauf vor Weihnachten oder die Urlaubsfahrt nach Österreich gerüstet zu sein. Wir wiederholen die vorherige Betrachtung deshalb - verkürzt - für weitere Fahrzeuge.

Kompaktklasse - am Beispiel von Opel Corsa 6/F

Komplettmonatspreis laut ADAC: 445€ - 579€, nehmen wir 500€ an.

Angebotsname Tarif Preis / Kilometer [€] Preis / Stunde [€] Komb. Preis / Kilometer Grundgebühr / Monat [€] Kilometer im Zielbudget
Stadtteilauto CarSharingPlus 0,26 3,00 0,65 0,00 769
Stadtteilauto Basic 0,26 2,75 0,62 5,00 802
Stadtteilauto Standard 0,26 2,10 0,53 8,50 922
Stadtteilauto Komfort 0,26 1,90 0,51 15,00 957

Kombiklasse - am Beispiel von VW Golf Variant VIII

Komplettmonatspreis laut ADAC: 547€ - 702€, nehmen wir 600€ an.

Angebotsname Tarif Preis / Kilometer [€] Preis / Stunde [€] Komb. Preis / Kilometer Grundgebühr / Monat [€] Kilometer im Zielbudget
Stadtteilauto CarSharingPlus 0,29 3,50 0,75 0,00 805
Stadtteilauto Basic 0,29 3,25 0,71 5,00 835
Stadtteilauto Standard 0,29 2,75 0,65 8,50 914
Stadtteilauto Komfort 0,29 2,40 0,60 15,00 972

Weitere Sharing-Angebote

Um die Komplexität beherrschbar zu halten habe ich die Anzahl der Anbieter eingeschränkt. Je nach persönlichem Anwendungsfall (und Wohnort) gibt es aber noch mehr:

Unter https://lastenrad-ms.de/ stehen in Kooperation mit u.a. dem ADFC Münsterland e.V. und sowie der STADTTEIL Offensive Hiltrup e. V. Lastenräder zur kostenlosen Leihe zur Verfügung.

Die Deutsche Bahn bietet unter der Marke Flinkster am Hauptbahnhof sowie einer weiteren Station in Handorf insgesamt fünf Autos zur Buchung an. Die Preise bewegen sich aktuell zwischen 1,50€ - 1,90€ pro Stunde und einer Kilometerpauschale von 0,25€.

Stadtteilauto bietet neben Autos auch Lastenräder zur Miete an, aktuell am Hauptbahnhof sowie an ihrer Geschäftstelle an der Mondstraße.

Zur tage- und wochenweisen Miete von Fahrrädern finden sich weitere Anbieter, z.B. die Radstation am Hauptbahnhof.

Die beiden wahrscheinlich größten und bekanntesten Bikesharing-Anbieter „Call a bike“ (auch Deutsche Bahn) sowie „nextbike“ fehlen derzeit noch in Münster.

Die Stadt plant außerdem ein öffentliches Leihradsystem mit „5000 Mieträdern in fast 300 Stationen“ (die Westfälischen Nachrichten berichteten).

In Münsters Süden wird derzeit unter der Marke LOOPmünster der Nahverkehr auf Bestellung getestet.

Außerdem gibt es verschiedene Projekte, bei welchen sich Bürger:innen gegenseitig Dinge leihen können. Im Mobilitätsbereich wäre da beispielsweise https://www.leihleeze.de/.

Abschluss

Das Thema ist aus meiner Sicht zu facettenreich, um es würdig in einem oder zwei Sätzen zusammenfassen zu können. Das Fazit für mich persönlich ist, dass ich glücklicherweise kein eigenes Auto brauche (Dinge nicht zu besitzen finde ich auch irgendwie schön). Ich hoffe, dass sich der Sharing-Gedanke weiter durchsetzt und dazu beiträgt, die Innenstadt wieder stärker auf die Menschen und weniger auf die Maschinen auszurichten. Die Verwunderung, warum das gesharte Auto, in bestimmten Fällen, günstiger ist als das gesharte Rad bleibt.

Abschließende Hinweise

Die Berechnungen, welche ich hier benutzt habe, sowie der Code zur Erstellung der Plots stehen auf Github zur Verfügung.

Über den Autor

Christian ist Master der Informatik und beschäftigt sich seit mehreren Jahren als Spezialist für Data Science mit der Suche nach interessanten Erkenntnissen aus komplexen Datenhaufen. Bei Code for Münster hat er z.B. an der Analyse der Verkehrsunfallstatistiken für Münster (Link) oder der Visualisierung von kommunalen Klimaschutzbemühungen (Link) mitgewirkt.

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